KI-Pessimisten vs. Realität: Warum Menschen anpassungsfähiger sind als KI-Prognosen denken
KI-Pessimisten vs. Realität: Warum Menschen anpassungsfähiger sind als KI-Prognosen denken
Kennst du diese Leute, die bei jeder neuen Technologie sofort das Ende der Welt ausrufen? "E-Mail wird Briefträger abschaffen!" "Das Internet macht alle Buchläden platt!" "Geldautomaten ersetzen jeden Bankangestellten!" Spoiler: Hat nicht ganz so geklappt. Und letzte Woche hat Citrini Research in diese Tradition einen würdigen Beitrag geleistet – und damit kurzzeitig die Märkte zum Zittern gebracht.
Die These: KI-Agenten werden die Burggraben von Unternehmen wie DoorDash, Immobilienmaklern und Zahlungsnetzwerken systematisch zerstören. Margen? Kollabieren gegen null. S&P 500? Minus 38 Prozent. Eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale.
Packende Geschichte. Wahrscheinlich auch falsch.
Ben Thompson bei Stratechery hat das bisher überzeugendste Gegenargument geliefert – und wir stehen auf seiner Seite. Lass uns mal beide Perspektiven anschauen.
Das Citrini-Argument
Fairerweise: Die Grundlogik ist nicht komplett daneben. KI-Agenten eliminieren das, was Citrini "habitual intermediation" nennt – den Burggraben, den Unternehmen auf der Gewohnheitsträgheit von Konsumenten aufbauen. Heute öffnest du DoorDash aus Gewohnheit. Morgen vergleicht dein KI-Agent alle Lieferplattformen gleichzeitig und findet den besten Preis. Provisionen brechen ein. Autonome Fahrzeuge ersetzen die Fahrer. Machine-to-Machine-Commerce umgeht Kreditkartengebühren über Stablecoins. Immobilienmakler werden überflüssig, weil MLS-Daten für alle zugänglich werden.
Kurz: Markteintrittsbarrieren kollabieren, alles wird austauschbar, Platzhirsche haben keinen Schutzraum mehr.
Keine irrsinnige These. Aber sie hat einen entscheidenden Denkfehler: Sie setzt eine Welt voraus, in der sich niemand anpasst.
Thompsons Antwort: Der grundlegende Fehler
Und genau da setzt Thompson an. Sein Kernpunkt ist simpel und gleichzeitig tiefgründig: Die Welt ist nicht statisch. Sie war es nie. Jedes Mal, wenn jemand vorhergesagt hat, dass Technologie einen Beruf eliminiert oder einen Markt zum Einsturz bringt, wurde unterschätzt, wie verdammt gut sich Menschen und Institutionen anpassen.
Immobilienmakler sind sein bestes Beispiel – und es ist wirklich gut. Denk mal drüber nach: Das Internet hat die Informationsasymmetrie, die ihre Existenz angeblich rechtfertigte, komplett beseitigt. Zillow, Redfin und jeder MLS-Aggregator haben Immobiliendaten schon vor Jahren für alle verfügbar gemacht. Und? Immobilienmakler gibt es immer noch. Ihr Marktanteil hat sich kaum verändert. Warum? Weil Menschen neue Gründe gefunden haben, einen Menschen im Prozess zu wollen – Verhandlungsgeschick, emotionale Unterstützung, lokale Kontakte, und jemanden, den man anrufen kann, wenn alles schiefläuft.
Der Burggraben hat sich verlagert. Verschwunden ist er nicht.
DoorDash im Speziellen
Thompson zerlegt auch das DoorDash-Argument Stück für Stück, und es lohnt sich, genauer hinzuschauen:
Exklusive Daten. DoorDash sitzt auf Jahren von proprietärer Bestellhistorie, Restaurantbeziehungen und Liefermustern auf Nachbarschaftsebene. Dein KI-Agent kann plattformübergreifend öffentliche Preise vergleichen – klar. Aber er weiß nicht, was DoorDash über die optimale Routenplanung in einem Drei-Block-Radius um 19 Uhr an einem Dienstag weiß.
Netzwerkeffekte sind echt und dreiseitig. DoorDash ist kein simpler Marktplatz. Es ist ein Netzwerk zwischen Konsumenten, Restaurants und Fahrern. Jede Seite verstärkt die anderen. Ein Neuling muss nicht nur billiger sein – er muss gleichzeitig alle drei Seiten an Bord holen. Versuch das mal.
Die physische Welt ist kompliziert. Software kann man kopieren. Physische Logistik nicht. Welche Fahrer sind in welchem Stadtteil zuverlässig? Wie reagiert Restaurant X unter Stoßbelastung? Welche Gebäude haben einen Hintereingang, der schneller ist? Das steckt in den Abläufen – nicht in einer Datenbank, die irgendein Agent auslesen kann.
Zahlungsinfrastruktur. Das Argument "Stablecoins umgehen Interchange-Gebühren" klingt gut auf dem Papier. In der Praxis? Die regulatorischen und Adoptionshürden sind gigantisch. Visa und Mastercard haben jahrzehntelange Betrugsabwehr, Streitbeilegung und Händlerbeziehungen aufgebaut. Das klont man nicht mal eben.
"Agent gegen Agent"
Ein Punkt von Thompson, den ich besonders stark finde: KI-getriebener Wettbewerb begünstigt am Ende die Platzhirsche. Klingt kontraintuitiv? Ist es aber nicht.
Wenn KI-Agenten aggressiv Preise vergleichen – wer gewinnt dann? Die Plattformen mit den besten Daten, dem zuverlässigsten Betrieb und dem meisten Vertrauen. Dein KI-Agent wird nicht den unbekannten Newcomer ohne Erfolgsbilanz empfehlen. Er wird den empfehlen, der historisch am besten abgeliefert hat. Und das ist in den meisten Fällen... der Platzhirsch.
Das Wettrüsten beschleunigt sich, klar. Aber die Etablierten haben die besseren Waffen.
Unsere Einschätzung
Wir entwickeln KI-Agenten-Workflows. Jeden Tag. Nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um sie besser zu machen.
Das Citrini-Framing ist verführerisch, weil es KI-Fähigkeit als einzige Variable behandelt. Aber die eigentlich spannende Frage ist nicht: "Kann ein KI-Agent das nachmachen, was ein Mensch tut?" Sondern: "Wie arbeiten Menschen und KI zusammen, um Dinge zu schaffen, die keiner von beiden allein könnte?"
Ein Immobilienmakler, der KI-Tools nutzt, um 50 statt 10 Kundenbeziehungen zu pflegen, wird nicht verdrängt – der ist produktiver als je zuvor. DoorDash-Ingenieure, die KI für Echtzeit-Routenoptimierung einsetzen, verlieren nicht ihren Job – die bauen den Vorsprung der Plattform weiter aus.
Die Zukunft, an der wir arbeiten, ist keine Verdrängung. Es ist Partnerschaft. Menschen bringen Urteilsvermögen, Beziehungen, Verantwortlichkeit und die Fähigkeit mit, Situationen zu meistern, die in keinem Trainingsdatensatz stehen. KI bringt Geschwindigkeit, Skalierung und Mustererkennung über mehr Daten, als ein Mensch je durchschauen könnte.
Doom-Szenarien sind als Gedankenexperiment nützlich. Aber gegen die Anpassungsfähigkeit von Menschen zu wetten? Das war historisch gesehen noch nie ein gutes Geschäft.
Wir bleiben auf Thompsons Seite.
Quellen: Citrini Research: 2028 Global Intelligence Crisis · Stratechery: Another Viral AI Doomer Article · Bloomberg: Software, Payments Shares Tumble After Citrini Post
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